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ÖFFENTLICHES STIFTSGYMNASIUM
DER BENEDIKTINER IN ST. PAUL
Gymnasiumweg 5,
9470 St. Paul, Kärnten - Austria
Tel.: 04357 - 2304-11 Fax: 04357 - 3843
Mail: stiftgym-stpaul@bildung-ktn.gv.at
   

Das diesjährige Thema des Wettbewerbes, der jährlich vom Ingeborg - Bachmann - Gymnasium veranstaltet wird, lautete „Verwurzelt“.

Das Thema sollte den Schülerinnen und Schülern als Inspiration dienen. Wie jedes Jahr nahmen auch heuer wieder Schülerinnen des Stiftsgymnasiums St. Paul am Wettbewerb teil.

k 1Sophie De Monte, 5b

Der folgende Text von Sophie De Monte aus der 5b-Klasse verfehlte zwar knapp einen „Stockerlplatz“, wurde aber anerkennend in der Wettbewerbsbroschüre abgedruckt.

 

Meine Oma – verwurzelt (verbunden, heimisch, zusammengehörig, nah, bewusst)

Meine Oma starb, als ich acht Jahre alt war. Ich habe sie noch gut in Erinnerung. Sie war es, die meinen Bruder und mich mit Milchschnitten und warmem Coca- Cola versorgte. Sie war es, die mit uns auf dem Teppich im Wohnzimmer saß und geduldig die umgeworfenen Duplo-Türme wieder aufbaute. Sie war es, die mit uns auf der Terrasse saß und Bilderbücher anschaute und Märchen vorlas. Sie war es, die nie müde, wurde immer wieder zu applaudieren, wenn wir ihr unsere Kunststücke auf dem Trampolin zeigten. Über ihr Leben habe ich mir natürlich keine Gedanken gemacht. Dafür war ich noch zu jung. Oma war einfach da. Und dann war sie nicht mehr da.

Alles, was ich über sie weiß, habe ich von meiner Mama erfahren. Die beiden hatten ein sehr inniges Verhältnis und haben sich sehr viel erzählt. Besonders über die Jugend meiner Oma haben sich die beiden viel unterhalten. Dazu muss ich sagen, dass meine Oma im Jahre 1925 geboren wurde. Sie hatte also auch viel zu erzählen und berichten. Sie war, wie man heute sagt, ein „Zeitzeuge“. Ihre Geburt war nicht geplant und sie hat von ihrer Mutter nie die Liebe erfahren, die ein Kind braucht. Dafür hat ihr Vater sie sehr geliebt und sie auch ihn. Zu ihm konnte sie mit ihren Problemen kommen, und er war es, der ihr das erste Ballkleid und den ersten Pelzmantel kaufte. Mit ihm war Oma Zeit seines Lebens sehr verbunden. Ihre Kindheit verbrachte Oma meistens mit anderen Kindern in der Postgasse. Dort wurde bis in die Abendstunden Völkerball gespielt, um dann mit zerschunden Knien heimzugehen. Natürlich musste sie auch bei der Arbeit mithelfen. Kühe hüten, melken, Gartenarbeit, Pilze und Beeren suchen gehörten zu ihren Aufgaben. Doch das machte ihr auch Spaß. Sie war ja nicht allein. Viele der anderen Kinder hatten auch solche Aufgaben. Sie fühlten sich heimisch. Mit der „Heimholung“ Österreichs in das Deutsche Reich durch Adolf Hitler änderte sich viel. Zunächst wurde alles besser. Die Menschen hatten wieder Arbeit, keiner musste

hungern, mit der Wirtschaft ging es bergauf. Die Leute hatten ein neues Selbstwertgefühl. Oma durfte nach Rottahlmünster (Ort in Bayern), um dort eine Haushaltungsschule zu besuchen. Dies war, wie meine Oma immer wieder sagte, die unbeschwerteste Zeit ihres Lebens. Natürlich trat sie dort auch dem „Bund deutscher Mädchen“ bei. Sie berichtete von gemeinsamen Wanderungen, Lagerfeuern, Bastelabenden, Kochkursen, Gymnastik und Liederabenden. Alle fühlten sich zusammengehörig. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges änderte sich viel. Besonders hart war für sie die Zeit, als ihr Vater zum Wehrdienst eingezogen wurde. Er fehlte ihr sehr. Dafür genoss sie die Zeit mit ihm, wenn er Fronturlaub hatte. Doch eines betonte sie immer wieder: In ihrer kleinen Welt hatte sie keine Ahnung von den Gräueln des NS-Regimes. Nach Ende des Krieges, als die Gräuel bekannt wurden, konnte sie das einfach nicht glauben. Die Zeit des Wiederaufbaus und die Nachkriegszeit verbrachte sie in Vorarlberg. Doch es zog sie wieder zurück in ihre Heimat. Da lernte sie meinen Opa kennen und lieben. Sie heirateten und sie zog zu ihm auf seinen Bauernhof. Damit ging ein Traum für sie in Erfüllung, denn sie wollte immer Bäuerin werden. Sie liebte den Umgang mit Tieren und die Arbeit auf den Feldern. Sie war zeit ihres Lebens Bäuerin mit Leib und Seele.

Meine Großeltern schafften ihr eigenes kleines Reich. Oma war in ihrem Land verwurzelt. Dies war mit harter Arbeit und großem Einsatz verbunden. Sie erlebte natürlich auch Rückschläge und Krisen. Ihr erstes Kind starb bei der Geburt, was sie lange nicht verwunden hat. Als mein Opa starb, hatte sie sich fast aufgegeben. Mit seinem Tod war ihr Lebensinhalt verschwunden. Familie ging für sie über alles. Doch dann, so erzählte mir meine Mutter, wurden ich und 2 Jahre später mein Bruder geboren und damit bekam ihr Leben wieder Sinn und sie hatte wieder eine Aufgabe.

Es tut mir sehr leid, dass ich sie nicht näher gekannt habe. Aber durch die Erzählungen meiner Mutter fühle ich mich ihr sehr nah. Sie lebt in meinen Gedanken weiter. Wenn ich über das Leben meiner Großmutter nachdenke, wird mir bewusst, wie wichtig es ist, seine Wurzeln zu kennen und zu lieben.

Text: Prof. Mag. Gerlinde Peter, Sophie De Monte 5b
Bilder: Prof. Mag. Gerlinde Peter

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